Die Männerfreundschaft

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Der Schreiber
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Die Männerfreundschaft

Ungelesener Beitragvon Der Schreiber » Donnerstag 29. Juni 2006, 23:31

In dieser Geschichte geht es nicht wirklich um Technik, obwohl ein altes Auto mit Holzvergaser eine wichtige, vielleicht lebensrettende Nebenrolle spielt.

Die Geschichte ist für dieses Forum ungewöhnlich lang.
Das Leben ist eben nicht immer auf eine A4-Seite zu reduzieren.

Wer sich trotzdem auf's Lesen einlassen mag, begibt sich auf Zeitreise, denn wir schreiben hier die Zeit von 1944 / 45:



Die Männerfreundschaft

Besondere Freundschaft in ungewöhnlicher Zeit

Es war eine ungleiche Freundschaft, die sich schon über viele Jahre als sehr beständig erwiesen hatte.


Die handelnden Personen
Der Eine (Jupp) wohnte im Sauerland und war relativ wohlhabender Fabrikant. Naja, damals waren auch die Fabriken nicht so groß und seine war eher noch eine der kleineren...

Der Andere (Ernst) war eher kleinbürgerlicher Handwerker und lebte in der Nähe von Köln.

Die beiden Herren verband nicht nur eine sehr weitgehende Gemeinsamkeit bei den Weltanschauungen und politischen Überzeugungen, beide waren leidenschaftliche Jäger. Der wohlhabendere Jupp hatte eine eigene Jagd gepachtet. So kam es, daß Ernst regelmäßig in der kleinen Jagdhütte von Jupp zu Gast war.

Diese Freundschaft hat sich viele Jahre erhalten und wurde auch in der schwierigen Zeit des zweiten Weltkrieges gepflegt. Nicht selten wurden die Herren dann von den Damen ermahnt, wenn der Alkohol die Zungen gelöst hatte und die abfälligen Äußerungen über die Zeit-Umstände allzu offen wurden!

Die Verkehrs-Verhältnisse
Dabei waren die gegenseitigen Besuche gegen Ende des Krieges nicht einfach! Die Eisenbahn durfte schließlich nicht mehr für Privatreisen genutzt werden, Autos gab es praktisch nicht und wenn, dann gab es keinen Treibstoff.

Blieb also nur die Straßenbahn.
Straßenbahn? - Ja, auch für eine "Fern"-Reise!
Damit wurde eine Tour, die heute in einer guten Stunde erledigt ist, eine Tagesreise! Die Fahrt-Strecke verlief über Köln, Opladen, Solingen, Vohwinkel, Wuppertaler Schwebebahn bis Oberbarmen (solange noch unzerstört), Hagener Straßenbahn, Iserlohner Kreisbahn. Das Ganze dann mit schweren Koffern...

Der geheimnisvolle Telefon-Anruf
Eines Tages rief Jupp bei Ernst an und berichtete aufgeregt von einem kapitalen Bock. Der müsse unbedingt geschossen werden. Ernst, Du mußt unbedingt kommen! Es ist furchtbar wichtig! Mehr war am Telefon nicht zu klären...

Ernst grübelte, was DAS denn wohl zu bedeuten hatte! - Schließlich war doch Schonzeit. - Also, da war was ganz anderes im Busch. Geschossen würde jedenfalls zu dieser Jahreszeit nicht. - Unmöglich...

Ernst packte besorgt seine Sachen und machte sich umgehend per Klein- und Straßenbahn auf die beschwerliche Reise.
Im Sauerland angekommen, ist der Empfang fröhlich und unbeschwert, wie immer. Es dauert lange, bis sich die beiden Freunde alleine und ungestört fühlen.
Dann fängt Jupp an zu erzählen: Hör mal, Ernst! Das ist so: Du kennst doch die Familie Sch...

Das Problem
Es wurde eine lange Geschichte. Jupp war von einem befreundeten Polizisten gewarnt worden. Die Deportation der Familie Sch. stehe unmittelbar bevor. Lange hatte sich die Familie Sch. mehr schlecht als recht durchmogeln können. Sie galten als Halbjuden. Jetzt hatte Jupp die Leute in der Jagd-Hütte einquartiert. Das war aber viel zu gefährlich. Dort konnten sie nicht bleiben. Zu leicht würde man sie dort entdecken und erkennen. Nun war guter Rat teuer...

Der Plan
So wurde also hin und her überlegt. Klar war, daß niemand sonst in die notwendige Aktion eingeweiht werden durfte, weder die eigenen Ehefrauen, noch Freunde.
Ernst bot an, die Leute in Mansard-Zimmern unterzubringen. Diese waren zwar eigentlich vermietet, doch die Mieter waren evakuiert. Die Rückkehr eher ungewiss...

Blieb das Problem eines Transport. Straßenbahn war ausgeschlossen. Die Gefahr aufzufliegen wäre viel zu groß geworden! Jupp hatte für kleinere Fahrten für die Zwecke seiner Fabrik einen uralten Opel-P4 gerettet. Der war schon zu alt, um für die Wehrmacht requiriert zu werden. Das Treibstoff-Problem hatte man gelöst, indem das Fahrzeug einen Holzvergaser erhalten hatte. Längere Reisen waren mit diesem Gefährt ein Abenteuer! - Aber dieses Auto wurde nun für eine wirklich wichtige Fahrt vorbereitet.
In der Nähe gab es eine kleine Fabrik, die fertigte hölzerne Wasserwagen. Da fielen kleine Holz-Stückchen ab. Gutes Holz, ideal zum Betrieb des Holzvergaser. Dort wurde also lange verhandelt, um eine ausreichende Menge Holz.

Der Menschenschmuggel
Dann kam der Tag der Abreise. Die Säcke mit den Holz-Vorräten wurden auf das Dach gebunden, in dem Auto nahmen die dreiköpfige Familie Sch. platz, die im Halbdunkel von der Jagdhütte abgeholt wurde. Ernst als Beifahrer und Jupp als Fahrer. Viele Möglichkeiten für Gepäck blieben da nicht mehr. Das kleine Auto war ohnehin schon völlig überladen!

Entgegen aller Befürchtungen verlief diese Fahrt ohne nennenswerte Zwischenfälle. Der Holzvergaser arbeitete sauber, was schon erwähnenswert ist. Vor Allem aber gab es keine Kontrollen. Damit wären auch Jupp und Ernst in erhebliche Schwierigkeiten gekommen!
Am Wohnhaus von Ernst angekommen war es schon wieder dunkel. So huschten die Reisenden ohne Aufsehen in's Haus.
Für die Rückreise mussten nun erst neue Holz-Vorräte organisiert werden. Die Details dazu sind nicht überliefert, aber irgendwie muß es wohl geklappt haben!

Neue Heimat unter'm Dach
Familie Sch. richtete sich nun so gut wie möglich in der Mansarde ein. Um nicht aufzufallen, durften die Leute das Haus nicht verlassen und Abends kein Licht machen. Außerdem war vereinbart, daß kein Wasser gezapft werden konnte und keine Toilette benutzbar war, wenn Gäste im Hause wären. - Die Geräusche hätten Fragen aufwerfen können! Ernst sollte sein Leben nun ganz bewusst so "normal" wie möglich fortsetzen, um keinen noch so geringen Argwohn zu erzeugen.
Die "Generalprobe" kam schon am nächsten Tag. Die Skat-Runde traf sich turnusmäßig bei Ernst im Haus. Niemand hat auch nur das Geringste bemerkt.

Papiere und Lebensmittelkarten
Das größte Problem war die Lebensmittelversorgung. Schließlich waren alle Nahrungsmittel streng rationiert und nur gegen Abgabe von Bezugsscheinen zu erhalten. Selbstverständlich waren die Gäste unter'm Dach nicht im Besitz solcher Karten. Eine Weile konnte das Problem überbrückt werden. Kartoffeln und Gemüse aus dem eigenen Garten, das selbst Eingemachte aus dem Keller...
Doch die Vorräte schrumpften zusehens. Das Problem wurde immer drängender.

Eines Tages sieht Ernst eine lange Warteschlange vor dem Rathaus. Es stellte sich heraus, das waren Ausgebombte aus Kleve. Sie hatten zumeist nur die eigene Haut gerettet und warteten auf die Ausstellung von Ersatz-Papieren.
Ernst rannte nach Hause! Schnell wurde mit Familie Sch. die Chance besprochen. So reihte sich Familie Sch. in die Flüchtlinge aus Kleve ein, erhielten unter falschem Namen vorläufige Papiere und vor allem Lebensmittel-Marken. Damit entspannte sich die Situation für alle Beteiligten. Familie Sch. konnte nun das Haus verlassen, sie hatten eine ungefährliche Identität und mit dem inzwischen gewachsenen Bart würden sie auch wohl nicht durch einen dummen Zufall erkannt werden. So überdauerte die Familie die letzten Monate bis Kriegs-Ende. Längst war aus der Not-Begegnung eine gute Freundschaft entstanden.

In der Siedlung blieb das Ende des Krieges kampflos. Die Amerikaner rückten ein. Das war's. - Nein, nicht wirklich!

Die Amerikaner sind da!
Kaum waren die Amerikaner eingerückt, requirierten sie das Haus von Ernst. Einer der Offiziere sprach ein paar Brocken deutsch und machte klar, daß man das Haus binnen einer Stunde verlassen müsse. Auch die Erklärungen der Familie Sch. änderte daran nun nichts mehr. Die Amerikaner verfrachteten die Familie in einen Militär-LKW und brausten mit ihnen davon. Wie sich später herausstellte wurden sie umgehend in den Heimat-Ort ins Sauerland zurückgebracht und Herr Sch. dort als Bürgermeister eingesetzt.

Nun war Ernst und seine Frau in der Rolle der Flüchtenden. Die Flucht endete zwar eine Straßenecke weiter, bei guten Freunden, aber ungemütlich war die Situation doch...
Ernst machte sich große Sorge um sein Haus und das Inventar.
Nein! Kein Problem! Die Jungs sind aber neugierig! Was verschlossen ist, wird aufgebrochen! Lassen Sie alle Schränke und Türen offen, nehmen sie mit, was sie dringend brauchen, ansonsten wird hier nichts passieren. Ihre Frau darf jederzeit kommen und nach dem Rechten sehen. Sie selbst dürfen das Haus jedoch nicht betreten. So war es auch! Es gab keinerlei Beschädigungen und es ist auch nichts Nennenswertes weg gekommen.

Lebhaftes Interesse bestand bei den Amerikanern an Schützen-Medaillen, Jagd-Trophäen, Karnevals-Orden, etc. So begann ein für alle Beteiligten interessanter Ausgleich von Interessen, der sich vor allem in der damals so wichtigen Zigaretten-Währung auszahlte.

Einige Wochen später zogen die Amerikaner ab und die Engländer rückten nach. Das Haus wurde wieder frei und Ernst konnte mit seiner Frau wieder in sein Haus zurück.

Ein fast freundschaftlicher Kontakt zu dem Amerikanern blieb noch eine Weile bestehen. Immer fielen bei Besuchen auch Lebensmittel und Zigaretten ab. Einmal kamen sie mit einem großem LKW und kippten eine Ladung Briketts vor die Türe! Zu der damaligen Zeit kaum mit Gold aufzuwiegen!
Übrigens, die Mieter der Mansarde kehrten erst zurück, als alle diese stürmischen Ereignisse erledigt waren. - Passte alles...

Ernst hatte durch diese Vorgänge nun seinen "Persilschein" für die bevorstehende "Entnazifizierung" und konnte bald sein Amt als Obermeister in der Handwerks-Organisation wieder aufnehmen. Auch in der Kommunal-Politik engagierte sich Ernst. Er wurde stellvertretender Bürgermeister.

Und was wurde aus Familie Sch.?
Wie bereits berichtet, wurde Herr Sch. von den Amerikanern als Bürgermeister seiner kleinen Stadt im Sauerland eingesetzt. Kurze Zeit später erkrankte Herr Sch. Er starb bald an einer Bagatell-Erkrankung, die heute überhaupt nicht mehr als bedrohlich eingestuft würde. Aber die Medikamenten-Versorgung, insbesondere mit Penizillin war damals noch sehr unzureichend. Die Nachricht von diesem Tod hat damals besondere Bestürzung ausgelöst.

An den Aufenthalt der Familie Sch. erinnert bis heute eine wertvolle Porzellan-Figur, die in unserer Familie mit besonderer Achtung bewahrt wird.

Die Freundschaft zwischen Jupp und Ernst blieb tief. Ich erinnere mich gerne an meine Kinderzeit zurück, wenn die beiden alten Männer anlässlich von Geburtstagen zusammen saßen und lebhaft von den alten Zeiten erzählten...
Die beiden Männer haben mich immer sehr fasziniert, längst schon, bevor ich von dieser besonderen Lebensleistung wusste...


Diese Geschichte war bereits an anderer Stelle mal im Netz veröffentlicht. Die Urheberschaft liegt bei mir.

Die Erzählung beruht auf Tatsachen. Die Namen sind verfremdet oder auf Vornamen reduziert, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Aus dem gleichen Grund sind Orte nur ungenau angedeutet.

BautznerSenf

Re: Die Männerfreundschaft

Ungelesener Beitragvon BautznerSenf » Mittwoch 10. November 2010, 14:40

Wunderschoen erzaehlt!

Ja, so war das: Statt Schwarz und Weiss gab's eben ueberall auch ganz viele Grau-Töne (eben "gut" Deutsche und "gute Besatzer").
Auch in meinen Familien (vaeterlicher- wie muetterlicherseits) hat man auch entgegen aller Klischees sehr gute Erlebnisse gehabt, auf die man unter den gg. Umstaenden nie zu hoffen geglaubt haben duerfte.

Danke dafuer!

Gruss vom

BautzenerSenf


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