Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

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WABUFAN
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Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon WABUFAN » Samstag 11. Juli 2009, 08:17

Es war heute ( 11. Juli 1989 ) vor 20 Jahren.
In der Hochschule für Musik in Leipzig war ich im Tonstudio angestellt und für die Aufzeichnung von Bändern verantwortlich, die die Entwicklung eines jeden Studenten belegten. Ob Klassik oder Tanzmusik - am Studienende erhielt der Student seine musikalische Entwicklung von der Vorstellung zum Studium bis hin zum Staatsexamen. Bei der Exmatrikulation wurde eine Kassette übergeben.
Hier die bescheidenen Arbeitsmittel :

Arbeitsmittel_1.jpg

Links unten die Klebelade aus Aluminium. 1973 in meiner Lehrzeit als Reparaturschlosser hergestellt. Darauf einen Fensterschaber mit Rasierklinge ( damit wurden Farbreste von den Fensterscheiben gekratzt ), hinten ein Band TYP 104, 1.000 Meter und für eine Spielzeit von 43 Minuten bei einer Bandgeschwindigkeit von 38,1 cm/s.
Da zwischen ein " Bobby " ( Wickelkern ) mit freiliegendem Bandwickel. So in der professionellen Tontechnik üblich. Das Startband ( grün ) habe ich in die Klebelade eingelegt.
Recht sind 2 Studiotonköpfe zu sehen. Links ein Stereo-Aufsprechkopf A2H42 und links ein Wiedergabekopf W2H41. Beide Köpfe sind in VEB Goldpfeil Hartmannsdorf hergestellt wurden. Die Laufflächen für das Band ( Kopfspiegel ) sind aus Ferrit und haben kaum Verschleiss. Preis beider Köpfe : 1.600,- DM .... Der Löschkopf L1V16 war dagegen mit 120,- DM ein Schnäppchen ....

Einige sehr musikalische Studenten aus der Abteilung Tanz - und Unterhaltungsmusik der Hochschule für Musik in Leipzig begeisterten sich für A-Capella-Gesang. Also Gesang ohne jedes Instrument. Früher waren sie im Thomanerchor Leipzig.
Das weckte die Aufmerksamkeit der Leute des staatlichen Rundfunks der DDR - speziell von Jugendradio DT 64. Sie wollten in einer Sendung von der neuen Gruppe berichten. Dazu mussten erst einmal die Titel auf Band.
Einen Titel ( BAND 1 - Titel 3 : Ich bin der schönste Junge der DDR ) fand wohl gefallen. Als man dann aber einen Titel von Gorbatschov ( Band 1 - Titel 8 : Michael ) oder Der Betriebsdirektor (Band 1 - Titel : 7 ) vor legte, wurde die Produktion gekanzelt. Das war etwas zu neu und zu provokatiev.
Da die Herzbuben in der Hochschule für Musik in Leipzig studierten und diese ein Tonstudio besass, erschien Sebastian Krumbiegel Anfang Juli 1989 bei mir im Studio und fragte, ob man nicht Titel produzieren könnte. Da Semesterferien waren hatte ich Zeit und so machten wir Dienstag, den 11. Juli 1989 um 11:00 Uhr zur Produktion aus. In meinem Terminkalender von 1989 vermerkt :

Kalender_1989_Termin_HzBu_11071989.jpg

Abends waren dann 24 Titel in mehreren Fassungen und Qualitäten auf Band und am Freitag, den 14. Juli 1989 um 10:00 Uhr trafen wir uns abermals, um aus diesem Rohmaterial die besten Titel zusammen zu stellen.
Ziel war es, davon Kasetten für die Fans's herzustellen. Da eine Kasettenseite 30 Minuten Spiellänge hatte, wurden die Masterbänder entsprechend gefertigt.
Das kopieren der 38er Bänder auf Kassetten erfolgte unabhängig vom normalen Studiobetrieb. Dafür war eine Bandmaschine T 2211 reserviert, die auf die Eingänge der Kassettengeräte ( 10 Stück HMK-D-100 ) geschalten wurde. Somit wurden 10 Kassetten in einem Rutsch bespielt.
Hier die originalen Masterbänder - Band 1. Jeder Titel ist durch 4 Sekunden Weissband getrennt.

BAND_1_1.jpg

Links der Bandwickel, bei dem man die Titeltrennung erkennt. In der Mitte eine Autogrammkarte der 4 Herren. Rechts der Bandkarton mit Beschriftungsfeld.

BAND_1_2.jpg

Um später die Bandmaschine für die Wiedergabe zu optimieren, ist auf Band 1 das erste Take ein Bezugspegeltonteil. Der wurde mit der Aufnahmemaschine hergestellt.
Enthalten sind 1 KHz 0 dB 640 nW/m für den maximalen Pegel, Frequenzen von 30 Hz für die tiefste Frequenz bis zu 18 kHz bei -20 dB für die höchste Frequenz. Dieser Teil kam nicht auf die Kassetten.
Hier das 2. Band für die Kassetten - B - Seite.

BAND_2_1.jpg


BAND_2_2.jpg

Das Schriftfeld auf den Kartons wurde mit einem Computer KC 85/4 ( 8-Bit-Rechner mit U 880 CPU - 2,5 MHz Takt ) und einem 9-Nadeldrucker ROBOTRON K 6313 angefertigt. Die Software wurde in BASIC unter dem Betriebssystem KC-CAOS ( hies wirklich so ) programmiert.
Um nach der deutschen Einheit eine Verwechslung mit den Wildecker Herzbuben zu verhindern, nannten sich die Herzbuben dann Comerzbuben und später dann Die Prinzen.
Und die Bezahlung ?
Eine Flasche Rotkäppchensekt, den ich dann verschenkte. Ich lebe ohne Alkohol ....
Die Bänder habe ich mit heutiger Aufnahmetechnik digitalisiert.
Dazu dient meine Bandmaschine :

Bandmaschine_T_2221.jpg

Damit ist aber " das Ende der Fahnestange " noch nicht erreicht :

T_4224_1.jpg

Die letzte gebaute Studiobandmaschine der DDR. Die hätte ich alzu gerne. Dafür müsse ich aus meinem Wohnzimmer einen Sessel entfernen ...
Meine Geschte zum Thema : Heute - vor 20 Jahren ....
Herzliche Grüsse von Andreas aus Leipzig
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Re: Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon 353-Heinz » Sonntag 12. Februar 2012, 08:30

DAs ist ja mal Musikgeschichte! Sehr Interessant!
Die letzte Bandmaschine "Made in GDR" muss doch ein Vermögen gekostetet haben?

War es normal, das da 10 HMK D100 herumstanden, oder habt ihr die zusammengeborgt?

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Re: Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon WABUFAN » Montag 13. Februar 2012, 09:08

Die Kassettendecks wurden gekauft. 10 Stück standen im Tonstudio.
Damit ich die Geräte einmessen konnte, brauchte ich die Serviceunterlagen.
Dazu rief ich bei Sternradio Berlin an und erhielt 2 Servicehefte. Eines auf Glanzpapier - eines auf normalem Papier gedruckt.
Ich staunte - und die unterschieden sich gewaltig !
Auf Glanzpapier und Ausgabe 09 / 1985 war zu lesen :

HMK-100_Service.jpg

Auf dem Bild das Kassettendeck und man kann lesen :

HMK-D-100_Ansicht_Deck.jpg

Rauschminderungssystem DOLBY - B und 4 Bandsorten zum auswählen :
Eisen ( Fe-Band ), Cr ( Cromband ), Eisencromband ( gab es in der DDR nie ) und Metallband ( gab es auch nie in der DDR ) !
Die technischen Daten faszinierend :

HMK-D-100_Daten_Deck.jpg

Frequenzband von 25 ... 16.000 Hz und das bei Eisenoxidband.
Und warum gab es dann die Geräte auf dem Konsumgütermarkt nur mit 40 ... 14.000 Hz und RMS-System und 2 x Fe + 2 x Cr - Bandsortenwahl ?
Problem waren die Tonköpfe. Durch die höhere Vormagnetisierung bei FeCr und Metall wurden die Köpfe so heiss, das der Kleber im Spalt ( 1,6 µm ) herrausquoll und das Band keinen richtigen Kopfkontakt mehr hatte. Es fehlten die Höhen.

Die 10 Deck's baute ich nach der EXPORT - Variante um. Nach dem Einmessen konnte ich die Daten verifizieren.
Der Wert Geräuschspannungsabstand bei Fe : > 62 db
Mit Metallband waren es dann + 4 dB mehr = 66 db.
Eine CD mit 2 x 16-Bit Samplerate hat 76 db maximal ....
Herzliche Grüsse von Andreas aus Leipzig

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Re: Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon 353-Heinz » Montag 13. Februar 2012, 09:37

Moin, Moin,

RMS ist abspielseitig kompatibel zu Dolby B, aber nicht identisch. Aber sogar in den Werten besser.
Geld war kanapp, und so durfte dass auch nicht Dolby heissen und auch nicht 100% identisch sein.
Auf der Serviceanleitung oben ist der Prototyp zu sehen, eventuell kannst Du mit Lupe auf der linken Geräteseite das Firmenkürzel "SRB" für Stern Radio Berlin lesen, in Serie stand da natürlich "RFT" dran. Auch die Befestigungsschrauben am Kassettenfach-Fenster sind noch in silber.
Es gab 4 Bandsortenschalter. Aber es gab verschiedene Ausführungen.
HMK D-100 : normale Ausfürung (DDR);
HMK D-101: seltene Ausführung, weitgehend identisch, aber innenleben zum Teil aus Entwicklungsbeständen. Für den Anwender kein Unterschied.

Warum gab es 4 Bandsortenschalter?
Für den DDR-Markt gab es Fe2O3 (Eisenoxid); CrO2 (Chromdioxid/Chromsubstitut*) sowie das gleiche nochmal nach IEC-Norm. Also sozusagen Westnorm. Darin war begründet, warum ORWO-Kassetten auf Westgeräten schelcht klangen und umgekehrt. Ab etwa 1988 wurden auch ORWO-Kassetten nach IEC-Norm gefertigt.
Aber das hast Du ja schon selbst geschrieben.

Es gab aber auch die Viariante mit 4 IEC-Bandsorten, also Eisenoxid (Rost), Chrome, Eisen-Chrom und Metal.
So wurden wohl die Prototypen vorgestellt. Ich bin aber fest überzeugt, im Jahre 1990 ein solches Gerät in Eisenach im RFT-Laden gesehen zu haben.

Eventuell wurde auch Neckermann und Co so beliefert (Als Paladium, Bruns etc), weiss ich aber im Fall HMK nicht.

Naja, zu kaufen gabs Metal schon in der DDR: im Intershop. Wer sich ein HMK leisten konnte, war sicher auch in der Lage, Metal-Kassetten auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. :-) Passende Köpfe sind natürlich heute nicht das Problem, damals gab es sich auch Wege.

Ich habe gerade ein HMK D-100 restauriert. Spielt wieder am Musik-System.

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Ungelesener Beitragvon WABUFAN » Freitag 11. Juli 2014, 07:18

Nun sind es schon 25 Jahre ....
Die Zeit vergeht.
Herzliche Grüsse von Andreas aus Leipzig

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Re: Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon 353-Heinz » Montag 9. Mai 2016, 12:03

Die letzte gebaute Studiobandmaschine der DDR. Die hätte ich alzu gerne. Dafür müsse ich aus meinem Wohnzimmer einen Sessel entfernen ...
Meine Geschte zum Thema : Heute - vor 20 Jahren ....


Ist diese nun in Deinem Besitz?

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Re: Vor 20 Jahren : Von den DDR-Herzbuben zu den BRD-Prinzen

Ungelesener Beitragvon WABUFAN » Mittwoch 11. Mai 2016, 05:59

353-Heinz hat geschrieben: ... Ist diese nun in Deinem Besitz ? ...

Nein - leider nicht.
Nur die T 2221 steht mit 65 kg da ....
Herzliche Grüsse von Andreas aus Leipzig

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